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Studienbeginn im Wintersemester 1945/46
Aus den Lebenserinnerungen von Ernst Held (geb. 1917)
(Text: Ernst Held; Artikel aus dem SPEKTRUM vom Winter 2004/05)
Ernst Held war einer der wenigen, die im ersten
Semester nach dem Zweiten Weltkrieg ihr
Studium an der Stuttgarter Musikhochschule
begonnen haben. Später war er jahrelang als
Mitarbeiter in der Verwaltung der Hochschule
tätig. Diese Auszüge aus seinen Lebenserinnerungen
werden hier dank seiner freundlichen
Genehmigung veröffentlicht.
Da ich mir vorgenommen hatte, Musik
zu studieren, war ein Klavier zu „organisieren“.
Der Schwarzmarkt befand sich in
der Reinsburgstraße, wo in den von
den Deutschen geräumten Wohnungen
hauptsächlich DPs (displaced persons)
wohnten. Dort fand sich ein Angebot.
Ich konnte neben dem Preis in Reichsmark
aus dem einst in Flandern gekauften
Vorrat einen sehr schönen Wollstoff für
ein Damenkleid sowie ein Paar hohe
Damen-Winterstiefel bieten und erhielt
den Zuschlag. Das Klavier musste aber
erst aus einem stark beschädigten Haus
gegenüber der Russischen Kirche im
Stuttgarter Westen unter Lebensgefahr
aus dem ersten Stock abgeseilt und in
eine Klavierwerkstatt zur Reparatur transportiert
werden.
In der Ruine der Musikhochschule am
Urbansplatz war nur ein Raum hergerichtet
und benutzbar, dort informierte
mich ein Herr Schäuffele. Dieser war
aus dem Ruhestand trotz seiner mehr als
70 Jahre geholt worden, da der aktive
Verwaltungsleiter, Herr Eisele, noch in
Kriegsgefangenschaft war. Ich wurde von
ihm davon unterrichtet, dass ich erst noch
eine Aufnahmeprüfung machen müsse.
„Sie studieren Schulmusik“
Als er erfuhr, dass ich in Cannstatt wohne,
empfahl er mir, mich von dem Cannstatter
Kirchenmusikdirektor Erich Ade
in der Schönestraße darauf vorbereiten
zu lassen, was ich dann auch gleich in
Angriff nahm. Viel Zeit blieb nicht, die
Hochschule sollte zum Wintersemester
45/46 ihren Betrieb aufnehmen. [...]
Inzwischen hatte ich den Gründungsrektor
der Stuttgarter Musikhochschule,
Prof. Hermann Keller, in Degerloch aufgesucht.
Er sah meine Kompositionen
durch, fragte mich, ob ich Abitur hätte und
sagte dann: „Sie studieren Schulmusik,
Komponieren ist eine brotlose Kunst, davon
können Sie nicht leben!“ Nach einem
leichten Sonatinensatz von Beethoven,
den ich inzwischen recht und schlecht am
Klavier hingekriegt hatte, war die Aufnahmeprüfung
beendet. [...]
Von Januar 1946 an versammelten sich
Lehrer und Studenten jeden Mittwoch
im Saal der Markuskirche. Bei der ersten
Versammlung wurde ich mit meinen zukünftigen
Lehrern bekannt gemacht.
Alle Lehrer unterrichteten in ihren Wohnungen.
Es wurde erwartet, dass man im
Winter ein Scheit Holz oder ein Brikett
mitbrachte. Prof. Kreutz war auch dankbar
für eine Zigarette, die er vorsichtig mit der
Rasierklinge in drei Stücke teilte. Jedes
Teil wurde in der langen Spitze je zwischen
zwei Unterrichtsstunden gequalmt.
Wilhelm Kempff
Die Hauptfachschüler von Prof. von
Albrecht (Komposition) trafen sich jeden
Samstagvormittag in der Rotenbergstraße 5
im 4. Stock. Er kochte eine große Kanne
Kaffee, jeder wanderte mit seiner Tasse
ins Musikzimmer, und dann zeigte jeder,
mit was er sich in der Woche beschäftigt
hatte. Auch stellte jeder die eigenen Stücke
vor, an denen er gerade arbeitete. War
ein Stück fertig gestellt, so sorgte Prof. von
Albrecht selbst dafür, dass es rasch von
einem Hochschuldozenten aufgeführt
wurde. [...]
Durch Roland Mackamul, der meinen
Zyklus von drei kleinen Sonatinen für
Klavier in seiner Abschlussprüfung und
in einem Hochschulkonzert uraufgeführt
hatte, kam die Verbindung mit seinem
Klavierlehrer Prof. Hans von Besele zustande.
Im Haus Besele habe ich auch
dessen Freund Wilhelm Kempff persönlich
erlebt. Dieser frühere Rektor der
Musikhochschule Stuttgart kam mehrfach
an einem Mittwochnachmittag in den
Saal der Markuskirche, in dem sich alle
Studenten zu Vorlesungen in Musikgeschichte,
Formenlehre u.a. trafen. Nachdem
einige Studenten ihr Stück vorgespielt
und damit ein Privatissimum erhalten
hatten, kam immer Kempffs Frage: „Was
wollen Sie gerne hören?“ Noch hatte er
die ganze Klavierliteratur auswendig im
Kopf und konnte jeden Wunsch auf Anhieb
erfüllen.
Mittags Hoover-Speisung
Im 2. und 3. Semester wurde ich zum
AStA-Vorsitzenden gewählt. Unsere wichtigsten
Aufgaben: Sorge für ein tägliches
Mittagessen, das der Hausmeister und
seine Frau in einer Art Gulaschkanone
kochten mit Lebensmitteln aus der amerikanischen
Hoover-Speisung. Die meisten
Studenten kamen mit ihrem Kommiss-
Kochgeschirr zum Essen. Wichtig war
auch die Verteilung von Brennholz, das
die Forstverwaltung gesägt und gespalten
im Hof der Hochschule anlieferte. Die
Organisation der ersten Hochschulfeste fiel
ebenso in den Pflichtenkanon des AStA.
Nach nur 5 Semestern – von denen das
erste nur die beiden Monate Januar und
Februar 1946 gedauert hatte – meldete
ich mich zur Abschlussprüfung in Schulmusik.
Es war das Ende des WS 47/48
und exakt der Zeitpunkt der Einführung
der Deutschen Mark (20.6.1948). Jeder
Deutsche konnte zunächst 40 Mark in
die neue Währung Deutsche Mark umtauschen,
alle Guthaben auf Bank oder
Sparkasse waren eingefroren. Es hieß jetzt,
rasch Geld zu verdienen.
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