VON TUTEN UND BLASEN

 

    

Von Tuten und Blasen...

Eine augenzwinkernde Typologie der Bläser
(Text: Eva Rohra und Lisa Barry; Zeichnungen: Oliver Dermann; Artikel aus dem SPEKTRUM vom Winter 2005/06)

Wer hätte nicht schon einmal im Kontakt mit seinen Orchesterkollegen, mit seinen Mitstudenten oder Mensa-Gesprächspartnern einen Gedanken gehabt wie: typisch Blechbläser! Aber was ist dran an diesem und anderen (Vor-)Urteilen? Entwickelt sich ein Mensch, der ein ganzes Berufsleben mit einem Instrument, dessen Spielweise, Repertoire und besonderen Aufgaben im Zusammenspiel verbringt, irgendwie besonders? Und wenn sich tatsäch-lich das Instrument den Spieler aussucht und formt: Wie sähe eine Typologie der Bläser aus?

Die Meinung, die Querflöte werde meist von Mädchen gespielt, trifft, wenn überhaupt, nur auf die Klassen der Jugendmusikschulen zu. In den Musikhochschulen, erst recht aber dann in den professionellen Orchestern zeigt sich durchaus ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis. Egal ob männlich oder weiblich, Ästheten sind sie alle, die Flötisten. Zur Zeit Friedrichs des Großen (der, wie wir wissen, selbst Querflöte spielte) war der elegante Auftritt, der einwandfreie Zustand der Puderperücke und das zierliche Vorschieben des einen Fußes unter Umständen so wichtig wie die musikalische Fertigkeit.
Die Flöte selbst ist heute mindestens aus Silber, noch lieber aus Gold. Wer sich für die schlichte Silberversion entscheidet, kann sich aber immerhin noch einen Brillianten in das Instrument einarbeiten lassen.

Der übliche Tagesplan eines Oboisten setzt sich zusammen aus acht Stunden schlafen, acht Stunden üben und acht Stunden Rohre bauen. Entsprechend weniger schläft, wer neben Oboe auch Englischhorn spielt. Hoffen wir, dass er nicht außerdem ein Anhänger der alten Musik ist, denn sonst hat er außerdem Oboe da caccia und Oboe d'amore in Besitz und – nicht zu vergessen: in art-gerechter Pflege. Wer einen Oboisten kennt, kennt auch den dazugehörigen kleinen Schraubenzieher, mit dem zu jeder Zeit am komplizierten Klappen-system herumgeschraubt wird.
So ist jeder Oboist nicht nur Musiker, sondern auch Instrumentenbauer.

 
Wenn man bei den Klarinettisten oft stillmelancholische, gefühlvolle Typen antrifft, liegt die Frage nahe, ob der Grund dafür ihr vorwiegend romantisches Repertoire ist. Beim Musizieren packt sie in der Regel ungehemmte Leidenschaft, und ekstatische Bewegungen (ausgenommen bei der unbequemeren Bassklarinette) gehören fast immer dazu.
Immerhin hält das wilde Rühren mit dem Instrument den Rücken in guter Form und ersetzt dem einen oder anderen das nötige "Kieser"-Training oder andere sportliche Betätigungen.

Vielleicht kann kein Blasinstrument eine so gefühlvolle Klage ausdrücken wie ein Fagott! Das tröstet den Spieler darüber hinweg, dass er auf der anderen Seite auch recht alberne Gestalten wie hinkende Groß-väter und geröstete Schwäne darzustellen hat. Das „tiefe Holz“ weiß das Leben zu ge-nießen: Man findet hier oft Gourmets, Wein-kenner und -liebhaber. Da das Fagott zu bestimmten Zeiten ein beliebtes Soloinstrument war, glänzen die Fagottisten gern mit Vivaldi, Mozart und Weber.
Nur böse Zungen behaupten, ein schneller Satz aus einem virtuosen Fagottkonzert wirke wie ein Nilpferd, das aus dem Zoo entlaufen ist ...

 
Mit Pauken und Trompeten kündigte sich in früheren Zeiten die Erscheinung des Königs an, und etwas Majestätisches hat der Trompeter noch heute. Er ist Orchestervorstand, spielt atemberaubend Fußball, fährt ein schnelles Auto, ist groß, schlank, blond, trinkfest, und seine Freundin ist Modell für "La Vogue" (und sollte das in der Realität einmal nicht zutreffen, so ließe sein Auftreten doch darauf schließen).

Ein Hornist ist bekanntermaßen kein Blechbläser im eigentlichen Sinne: Statistisch trinkt er vor und während Konzerten und Vorstellungen deutlich weniger Alkohol als der Prototyp dieser Gattung. Ihm bleibt immer bewusst, dass er das vielleicht schwierigste Instrument überhaupt zu blasen hat und das Gelingen am Abend oft trotz aller Professionalität auch Glücksache ist.
Jeder wohlwollende Orchesterkollege schwitzt mit dem Solohornisten, wenn eine heikle Passage zu überstehen ist... Und man atmet danach gemeinsam auf – Musik verbindet!

Posaunisten sind Herdentiere! Man trifft sie fast immer in Kleingruppen an, sei es im Orchester oder in der Kneipe bei Bier und Skat. Ein Posaunist alleine fühlt sich einfach unwohl, erst "im Satz" wird er zum Menschen. Repertoirebedingt ist er an viel Freizeit und lange Spielpausen gewöhnt, denn wenn er überhaupt besetzt ist, hat er wahrscheinlich tacet in den Mittelsätzen (und in den anderen 856 Takte Pausen zu zählen).
So haben sie auch Zeit und Muße für soziale Kontakte: daher gemütliche und kollegiale Menschen.

Da jedes andere Instrument kleiner ist als sein Spieler, bemüht sich der typische Tubist recht früh in seiner Laufbahn, den eigenen Leibesumfang instrumentengerecht zu vergrößern. Ist ihm das gelungen und er damit seinem Instrument auch körperlich gewachsen, so geht er mit seiner Tuba, die er beim Spielen wie eine füllige Geliebte umarmt, auch im übertragenen Sinne durch dick und dünn.