|
Im Studium
Die Arbeit am Studiengang Figurentheater in Stuttgart
(Text: Daniela Hense, Studentin; Artikel aus der Zeitschrift "Puppen, Menschen & Objekte", 2003/2 Nr.89)
Viel zu selten erfährt man außerhalb Stuttgarts etwas über den Studiengang. Es ist nicht einfach einen Studiengang zu beschreiben, in dem jeder Jahrgang, jeder Student einen etwas anderen Weg geht.
Jetzt, nach zwei von vier Studienjahren, ist es für mich an der Zeit, einmal innezuhalten und die Gedanken über dem Vergangenen schweifen zu lassen. Eine Zuschauerin fragte mich im FITS-Figurentheater Stuttgart: „Ist das auch wieder so ein 'experimentelles' Stück?" und „Ich habe mal das mit der Schnecke gesehen, und das war nichts für mich gewesen."
Sie sprach von dem Stück „Ich sehe was, was du nicht siehst" vom Theater Handgemenge. Die Aufführung war für mich ein großes AHA-ERLEBNIS. Ich dachte nun: Das will ich auch! So unterschiedlich kann die Reaktion auf ein Stück sein.
So unterschiedlich sind die Meinungen, wie Figurentheater sein soll, was man von ihm erwartet, was jeder Zuschauer spannend, interessant, schön, langweilig oder gar ärgerlich findet. Genauso unterschiedlich sind anscheinend die Meinungen über einen Studienbewerber bei der Abteilung Puppenspielkunst in Berlin und dem Studiengang Figurentheater in Stuttgart. Als ich mich zum Studium in Berlin bewarb, hatte ich noch nie etwas von der Stuttgarter Möglichkeit gehört. Die nötige Eigeninitiative, die zu diesem Studium wie auch zum anschließenden Berufsleben gehört, begann damit, den Studiengang ausfindig zu machen, ihn als Möglichkeit zu begreifen und die Ablehnung in Berlin nicht als Endstation zu sehen.
Aufnahmeprüfung
Was ich bei der Aufnahmeprüfung in Berlin erlebte, ist eine Geschichte für sich und ein Erlebnis, das ich in mein Studium nach Stuttgart mitgenommen habe. Was soll man von Berliner Äußerungen halten wie: „Man spürt eine Kraft, die aber nicht von innen kommt." Man solle Anlagen mitbringen, die zur Meisterschaft geführt werden, oder: „Schön, dass Sie sich fürs Puppenspiel begeistern, wir brauchen interessierte Zuschauer". MUSS eine Ablehnung zu solchem Umgang führen? Ich war verletzt. Heute kann ich darüber lächeln. Es hat mich durch diese Erlebnisse allerhand Kraft und Willensstärke gekostet, mich kurz danach wieder einer Prüfung auszusetzen.
Doch die Aufnahmeprüfung in Stuttgart war völlig anders. Die Studenten haben sich um uns Bewerber gekümmert, und es ist Tradition, bei ihnen zu übernachten. Da konnte man all die Fragen und Ängste, die einen beschäftigten, loswerden. Es gab einen Lavendeltee zur Beruhigung, viele gute Mut machende Worte und am Morgen vor der Prüfung die Eigentümlichkeit einer schwäbischen Butterbrezel. Nach den zwei Tagen der Aufnahmeprüfung, dem Vorspiel einer eigenen Szene und dem Workshop konnte ich nach dem Urteil der Stuttgarter Dozenten doch den Zuschauerraum in Richtung Bühne verlassen. So startete ich, gemeinsam mit vier Männern, voller Wissensdurst in die vor mir liegenden vier Jahre.
Das Studium
Es war nicht immer einfach, die Interessen und Ideen einer Gruppe dieser Mischung unter einen Hut zu bekommen. Das führte zu Auseinandersetzungen. Da wir aber von Anfang an einen sehr offenen Umgang damit hatten, sind wir ein gutes Team geworden.
Das erste Jahr war von großer Ungeduld begleitet. Ich konnte es kaum abwarten, die Puppe, den Pinsel, das Material, den Holzkopf, die Fäden in die Hand zu bekommen. Aber die ersten zwei Wochen verbrachten wir damit, wie jedes Semester, in der Werkstatt jedes Werkzeug in die Hand zu nehmen, die Bedienung und Wartung der Maschinen und Geräte erklärt zu bekommen und die ersten Dinge aus Holz zu fertigen. Auch wenn es quälend war, so war es sehr wichtig, um jetzt selbstständig an den Geräten zu arbeiten.
Es folgten zwei Wochen „Bewegungstheater". Ich freute mich darauf, da ich mich in Berlin intensiv damit beschäftigt hatte. Also dachte ich: Jetzt kommt etwas, anders als in der Werkstatt, wo ich mich auskenne. Doch da hatte ich mich getäuscht. Das Thema hieß „Cowboys". Die vier Jungs sind voll darin aufgegangen, z.B. den Gang eines Cowboys zu studieren, ein Duell zu spielen, Szenen im Casino zu improvisieren usw. Ich konnte mit diesem Thema überhaupt nichts anfangen.
Ängste kamen in mir hoch, war das alles doch nichts für mich. Ich begriff nicht sofort, dass das Thema bei mir nur nichts auslöste. Doch dann beim Projektabschluss tanzte ich mit einem Zigeunerlied auf dem Tisch.
Der Pflichtunterricht bestimmt den Vormittag, und die Zeit der Projekte ist der Nachmittag. Im Feldenkreis habe ich mir in vielen unzähligen Stunden durch kleine und kleinste Bewegungen ein neues Bewegungsmuster beim Stehen, Laufen, Hinsetzen, Aufstehen etc. erarbeitet. Ich habe erfahren, wie es sich anfühlt, zur vollen Größe aufgerichtet zu sein, welche Auswirkungen ein paar kleine Bewegungen in Rückenlage auf den ganzen Körper haben, was es auslöst, mit einem Stein auf dem Kopf durch den Raum zu gehen, oder auf einem Holzstab zu liegen oder oder...
Im Materialtraining habe ich sehr fasziniert vor einer tanzenden Gießkannentülle gesessen. Wir bekamen das Gespür, wie viel oder auch wie wenig es braucht, um Gegenstände zu beleben. Jeder Gegenstand, der uns in die Finger kam,
wurde auf seine Möglichkeit zur Belebung untersucht. Alltagsgegenstände: Metall, Feinstrumpfhosen, Kinderspielzeug usw. boten unserer Assoziation Nahrung. Sogar Papier brachten wir zum Reden.
Erst später beschäftigten wir uns mit der gestalteten Figur und sammelten die ersten Erfahrungen im Handpuppenspiel. Unsere Auseinandersetzung führte uns zur besonderen Stärke des jeweiligen Materials oder der jeweiligen Puppe. Wir überlegten, welch Unterschied zum Schauspieler bestand und welche Stärken und Schwächen sie ihm gegenüber hat.
Daher ist für mich der Schauspielunterricht sehr wichtig. Ich kann Wirkungsweisen vergleichen. Zudem stehe ich, wie die Figur, auf der Bühne und benötige eine Haltung und innere Spannung.
Im Sprechunterricht habe ich sehr mit mir gekämpft, den Mut und
das Vertrauen zu haben, meine Stimme in vollem Umfang von innen nach außen kehren zu können.
Im Projekt „Seile und Gesang" beschäftige uns der authentische körperliche Impuls, um die Stimme voll zu nutzen. Die Seile ermöglichten es, uns auf spielerische Art zu beleben, gestalten, verwandeln.
Beglückend waren auch die Erlebnisse mit Steinen, Sand oder Plastikfolie. Wir krochen in die Folie, bewegten sie von oben, unten, an den Seiten, mit einem Ventilator, spannten sie durch den Raum, streuten Sand darauf, ließen Steine auf der Folie hüpfen oder darüber laufen, bauten Figuren aus Folie. Das war Erforschen, Entdecken; Beglückung.
So unterschiedlich wie diese ersten Projekte verlief das weitere Studium. Wir stellten die ersten Masken und Puppenköpfe her oder näherten uns dem Clown in uns. Die Tücherpuppe verhalf uns zu den Grundlagen der Animation.
Der kleine Prinz
Ein wichtiger Meilenstein in meinem Semester war die Inszenierung „Der kleine Prinz". Gemeinsam mit Werner Knoedgen - dem Leiter des Studienganges als Regisseur - sowie Sylvia Wanke und Joachim Fleischer als bildende Künstler, suchten wir nach der Umsetzung unserer Ideen und Visionen. Also relativ zeitig arbeiteten wir an einem inszenierten Stück und standen auf einer großen Bühne. Ich trauerte jeder dafür ausgefallenen Unterrichtsstunde nach. Aber spätestens bei den Aufführungen wurde mir jedoch klar, welche unschätzbaren Erfahrungen wir sammeln konnten, die so im regulären Hochschulbetrieb nie möglich gewesen wären.
Ich bekam langsam eine Ahnung, was Figurentheater für mich bedeutet. Im Lernprozess gab es für mich immer wieder kleinere oder größere Höhen und Tiefen. Ich wurde voll gestopft mit Eindrücken, Gedanken, Erlebnissen.
Zu den Eindrücken der Hochschule kam das Kennen lernen einer Art Theater, wie ich es von Berlin nicht kannte. Im Figurentheater FITS zeigten ehemalige Hochschulabsolventen wie Frank Soehnle, Michael Vogel, Annette Scheibler oder Stefanie Rinke ihre Stücke.
Ein Geschenk
Man vergisst hin und wieder, wenn einen die Ungeduld zu sehr packt, man vor belegten Räumen steht, es einen nach mehr Unterricht dürstet, man sich auch mal alleingelassen fühlt oder gegen Mauern rennt, welch ein Geschenk es ist, an diesem Studiengang studieren zu dürfen. Man kommt durch Meckern nicht weiter, sondern nur, wenn man die vorhandenen Möglichkeiten bestmöglich nutzt. Ich habe inzwischen verstanden, dass ich in den vier Jahren Studienzeit nicht alles lernen kann. Zu viele Gebiete gilt es zu beleuchten, das bietet Lernstoff für den Rest des Lebens. Deshalb stürze ich mich auch jetzt voll in die Arbeit, obwohl noch Semesterferien sind. Ich will meine Einzelarbeit zu einem vorläufigen, vorzeigbaren Ergebnis führen.
Gute Wünsche
Ich wünsche dem Leiter des Studienganges, Prof. Werner Knoedgen, zum Jubiläum, dass er weniger Zeit in seinem Büro mit nervtötendem Bürokratismus verbringen muss, sondern seine Zeit und Ideen mehr mit den Studenten teilen kann, um noch öfter Gießkannen zum Tanzen, Prinzen zum Fliegen, Papier zum Reden und Hirne zum Grübeln zu bringen.
Dem Studiengang als Institut wünsche ich vor allem eines: MEHR PLATZ!
|
|
|