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"Aber mach' sie sofort wieder auf!"
Werner Knoedgen spielt und spricht „Rudi“ in „Siebenstein“
(Text: Prof. Werner Knoedgen; Artikel aus dem SPEKTRUM vom Sommer 2004)
Rudi mit Otto Sander (links) und Werner Knoedgen (rechts) im Sommer 2004.
Jeweils in den Semesterferien zieht Prof.
Knoedgen, Leiter des Studiengangs Figurentheater,
für ein paar Wochen nach Berlin zur
Produktion weiterer Folgen der beliebten
ZDF-Kinder-Serie „Siebenstein“, wobei
inzwischen die 200. Folge entsteht. Seit
Beginn der Serie 1988 hat er die Stelle als
„Tierpfleger“ des Raben inne; im Folgenden
erzählt er von diesem Teil seiner Berufspraxis.
Es ist so, dass ich fast immer in die Dekoration
eingebaut werden muss. Wenn
Rudi auf einem Tisch sitzen soll, dann
wird da vorher ein Loch hinein geschnitten,
durch das ich meinen Arm stecke.
Rudi sitzt dann oben auf dem Tisch und
ich mit einem Monitor darunter. Den
Monitor brauche ich, damit ich überhaupt
sehe, was Rudi da macht.
Das Beste ist eigentlich, wenn wir jetzt
einmal von meiner Arbeit im Studiengang sprechen: Ich theoretisiere zwar sehr
gern und sehr ausführlich, aber ich bin
nie in der Gefahr, dass sich das verselbstständigt,
weil ich eben immer wieder
selber vor der Kamera agiere. Das heißt,
ich werde meinen Studenten immer aus
der Praxis erzählen. Auch die theoretischste
Theorie ist bei mir immer noch
an eine sehr harte Praxis gebunden.
Die Szenen, die wir drehen, werden
vorher besprochen, mit der Regie und
den anderen Darstellern zusammen. Sehr
bewusst gehe ich die Texte durch und
schreibe sie oft um, so, wie ich glaube,
dass Rudi sie sagen würde. Ich kann – das
ist ein großer Vorteil im Vergleich zu
Schauspielern – ich kann ja, wenn ich
denn schon in die Möbel eingebaut
werde, ohne weiteres einen Text zum Set
mitnehmen und ihn mir in eine Ecke
legen, um darauf zurückzukommen,
wenn ich ihn brauche. Jetzt müsste man
doch eigentlich sagen: Wenn jemand
etwas von Rudis Charakter versteht,
dann bin ich das, und es müsste eigentlich
alles stimmen, was ich mir für ihn aufgeschrieben
habe. Aber in vielen Fällen
stimmt es eben nicht. Ich will Rudi etwas
sprechen lassen, was ich mir viel zu kopfig
ausgedacht habe. In dem Moment, in
dem ich ihn aber auf der Hand habe und
in ihm drin stecke, bin ich ganz auf die
Rolle konzentriert und reagiere spontan
auf die Situation, so, wie sie sich gerade
entwickelt. Ich sehe ja alles auf meinem
Monitor, als wäre es schon ein fertiges
Fernsehprogramm, und spüre einfach, ich
habe mich getäuscht. Ich habe mir da
etwas Falsches ausgedacht. Rudi macht
das anders.
Das ist mein größter Spaß, dass ich immer
wieder sage, Rudi macht das alles ganz
allein, ich bin nur der Tierpfleger. Ein
bisschen haben alle Figurenspieler – die
guten jedenfalls – etwas von diesem
Vergnügen an der Schizophrenie. Die
Schauspieler verstehen ganz gut, wovon
ich rede, wenn sie an Brecht denken.
Brecht verlangt ja von den Schauspielern,
sie sollen neben (!) ihrer Rolle stehen; sie
sollen sich nicht voll identifizieren, wie
das im klassischen Drama üblich ist, sondern
aus einer gewissen Distanz heraus
spielen. Das ist für Schauspieler aber ganz
schwer, denn sie stecken ja mit ihrem
ganzen Körper in der Rolle drin. Also wie
soll das gehen? – Für Figurenspieler ist
das völlig normal. Während ich meine
Rolle spiele, sehe ich sie doch ganz real
neben mir. Da kann ich Rudi dann auch
wirklich von außen, auf einem Monitor
sehen, das ist für mich kein Unterschied.
Ich bin sein erster Zuschauer. Das Verrückte
dabei ist aber, dass ich nicht
abwarten kann, was er machen wird,
sondern dass ich gleichzeitig, während
ich ihm zuschaue, ihn ja auch spielen
muss. Diese Simultaneität ist irgendwie
richtig schizophren, und das kennen
alle Figurenspieler.
Wir haben manchmal auch mit Kindern
gedreht, die im Film vorkommen sollten.
Die haben dann natürlich in den Pausen
nichts lieber getan, als sich mit Rudi zu
unterhalten. (Ich musste also durcharbeiten
und hatte keine Pause.) Aber das war
sehr witzig in den meisten Fällen. Es
hängt zum Beispiel unten aus der Handpuppe
so eine Strippe heraus mit zwei
Hebeln. Da sind Seilzüge drin, mit denen
ich Rudis Augenlider auf und zu machen
kann. Immer wieder ist es dazu gekommen,
dass die Kinder Rudi gefragt haben,
– und sie haben dabei die ganze Zeit mit
Rudi geredet, nie mit mir –: „Rudi…?
Was hast'n Du da…?“ – „Ooch, das is’
nur meine Fernbedienung für die
Augen“, hat er ihnen dann erklärt, und
das fanden sie natürlich sehr interessant.
Und dann hat es sie auch gleich
gekribbelt: „Darf ich auch mal?“ Und sie
haben das mit Rudi aushandeln müssen,
ob sie seine Augen zumachen dürfen.
Rudi hat es ihnen schließlich erlaubt,
aber dazu gesagt – und es war ja klar, was
dann passieren würde: „Aber mach sie
sofort wieder auf!“
Werner Knoedgen (Bildmitte) wird für Außenaufnahmen vor Siebensteins Laden eingegraben...
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