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So etwas wie Wirklichkeit
von Iris Meinhardt, Hochschulabsolventin
Artikel aus der Zeitschrift "Puppen, Menschen & Objekte", 2003/2 Nr.:89
Fuchseckstraße 7, 5. Stock. August, es ist sengend heiß, der stickige Raum verdunkelt.
Auf einer Leiter steht eine Maschine, aus deren Rachen eine EndIos-Schlammwurst gespuckt wird. Ein großer, weißer Berg bildet sich, mittendrin ein junger Spieler, der immer wieder in der Masse mit der seltsamen Konsistenz untertaucht, mit einer Perücke aus Schaum wieder auftaucht, sich ein Kleid aus dem weißen Gebilde formt. Eine weiße Masse, die sich durch den Raum schiebt und ständig ihre Bedeutung ändert.
Realität?
Seit man mich bat, einen Artikel über den Übergang vom Studium des Figurentheaters zu der Realität als freier Spieler für diese Zeitschrift zu verfassen, seitdem stelle ich mir die Frage, ob es in diesem Beruf überhaupt möglich ist, von einer Realität zu sprechen.
Vier Jahre habe ich in Stuttgart Figurentheater studiert, ein Studiengang, der mich wegen seiner großen Vielseitigkeit sowohl im bildenden wie auch im darstellenden Bereich gereizt hat.
Und nun, kurz nach meinem Diplom, das ich im April 2003 absolviert habe, finde ich mich wieder in diesem Studiengang, diesmal auf der anderen Seite, der Dozentenseite, vor dem Schaumberg.
Denn oben beschriebene Szene ist die Erarbeitung einer Einzelarbeit von Philipp Golm, der Texte von Sarah Kane mit dem sehr vergänglichen Material Schaum kombiniert. Vor einem sich bewegenden Schaumberg sitzend stelle ich mir also die Frage, wie das nun so ist mit der Realität.
An der Stuttgarter Schule hat man sehr viel Möglichkeit und Freiheit sich auszuprobieren, sich eigene Themen zu stellen und zu erarbeiten. Die Schule vertritt eher eine akademische Auffassung von Lernen, der Student soll auf dem Weg, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln, unterstützt werden.
memory error
Mich selbst interessierte von Anfang an die Schnittstelle zwischen bildender und darstellender Kunst.
Zusammen mit Luzia Simons, Dozentin für bildendes Gestalten und freischaffende Künstlerin, und Michael Krauss, damals noch Student an der Stuttgarter Kunstakademie, erarbeiteten wir eine zehnminütige Tanzperformance mit dem Titel „memory error". In dieser Arbeit wird der eigene dreidimensionale Körper zweidimensionalen fotografierten Bildfragmenten aus meinem Gesicht gegenübergestellt.
Die Gesichtsfragmente verwandeln sich, in einen neuen Kontext gebracht, zu Körperteilen, Masken, Attributen. Die Fotografien verändern das Gesamtbild des Körpers und lassen ihn zur Figur werden. Das Stück spielte auf mehreren Vernissagen, unter anderem im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Den eigenen Körper zur Figur umformen war auch das Thema einer Einzelarbeit, bei der Michael Krauss Regie führte. „BING" heißt das 20-minütige Stück, das nach einem Text von Beckett entstand. Diesmal arbeiteten wir mit Diaprojektionen von Körper und Gesicht, die auf meinen eigenen, durch Wattierung verfremdeten Körper geworfen werden. Durch die Teilnahme an einem Wettbewerb in Belgien, bei der das Stück den „Prix Decouverte de la ville de Tournai" gewann, ergaben sich viele Folgeauftritte auf internationalen Festivals, unter anderem in Paris, Porto, Bialystok und Cervia.
Diplomarbeit
In meiner Diplomarbeit, bei der Joachim Fleischer, Bildender Künstler und Regisseur, Regie führte, sind wir der Frage nach der Wahrnehmung der eigenen Identität und Realität noch weiter nachgegangen.
„Die Figur auf der Bühne, ein irgendwie noch menschliches Wesen, versucht auf verschiedene Arten die Echtheit der eigenen Person zu überprüfen. Wie einen Fremdkörper untersucht sie ihren eigenen Körper auf seine Bewegbarkeit und Konstruktion hin, animiert ihn wie eine Puppe. Videoprojektionen des menschlichen Körpers und Aufnahmen von Puppenkörpern werden auf den eigenen Körper projiziert und in Kontext zu diesem gestellt. Verschiedene Körperlichkeiten und Seins-Formen werden untersucht. Die Projektion animiert den Mensch, bestimmt ihn. Ein Wechselspiel aus Aktion und Reaktion entsteht, wobei zu verschwimmen scheint, wer hier von wem animiert wird." Das Stück spielte zur Eröffnung der „Tage des jungen Figurentheaters" im FITZ im Juni dieses Jahres.
Eine andere gute Gelegenheit bot sich im Ensemblespiel mit Kommilitonen. So entstand unter der Regie von Ines Müller-
Braunschweig, Dozentin für Schauspiel, zusammen mit Vanessa Valk die „Spiegelgeschichte", nach einer Kurzgeschichte von Ilse Aichinger.
Es folgte das Stück „Drei Frauen", nach einem Gedichtzyklus von Sylvia Plath, bei dem Carmen Kotarski und Karin Ould Chih Regie führten.
In einem vierwöchigen Projekt erarbeiteten wir zusammen mit Nathan Gardah einen Street Act für Stelzenläufer und Musiker, die „Schrägen Vögel", für die Sylvia Wanke wunderschöne Vogelkostüme baute.
Engagements
Alle diese Stücke werden auf verschiedenen nationalen und internationalen Festivals gespielt. Ich denke, die Möglichkeit, schon während des Studiums Stücke in einem künstlerisch aber auch finanziell geschützten Rahmen entwickeln zu können, ist ein großes Privileg und ein ganz guter Grundstock, um diesen wundervollen, verrückten, realitätsfernen, „Realitäten erfindenden" Beruf zu beginnen.
Eine weitere spannende Erfahrung war ein Engagement am Stadttheater Luzern, als Gast in dem Stück „Amerika" nach Franz Kafka, unter der Regie von Jarg Pataki.
Die Idee war, dass die Schauspieler von sechs Puppenspielerinnen (je drei aus Berlin und Stuttgart) wie willenlose Puppen animiert und geführt wurden. Sowohl die Arbeit mit den Schauspielern als auch der Austausch mit den Puppenspielerinnen aus Berlin erwies sich als sehr wertvoll.
Bis hier..
Nun nach vier Jahren Studium beginne ich also einen Beruf, in dem es doch ständig darum geht, neue Wirklichkeiten zu erfinden.
Ein sehr reiches und vielseitiges Studium liegt hinter mir, ich habe in den verschiedensten Fächern einen sehr guten und fundierten Unterricht genossen. Ich hatte sehr viel Freiheit und Möglichkeiten, mich selbst auszuprobieren und „meine Wirklichkeit" in Theaterstücke zu abstrahieren.
Und dennoch ist mir sehr bewusst, dass vier Jahre viel zu kurz sind, um diesen Beruf zu erlernen.
Dass man wohl durch das Tun mit ihm wächst.
Aber ich freue mich auf diesen Beruf, bei dem kein Tag wie der andere ist, der voller Ungewissheit, aber auch Überraschungen ist. Und bei dem man Gelegenheit hat, so viele verschiedene Realitäten kennen zu lernen.
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