MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

 

    

Man sieht nur mit dem Herzen gut, sagte der Fuchs

Saint-Exupéry's "Der kleine Prinz" im Wilhelma Theater
(Text: Prof. Dr. Volker Canaris; Artikel aus dem SPEKTRUM vom Sommer 2003)

Figurentheater und Schauspielschule haben, nach längerer Zeit, wieder einmal eine gemeinsame Aufführung im Wilhelma Theater produziert: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Die Premiere und die Vorstellungen waren schon im Dezember 2002, aber für den Beginn des Wintersemesters 2003/04 ist eine Wiederaufnahme geplant. Dann wird der Studiengang Figurentheater seinen zwanzigsten Geburtstag feiern.



Bei unserer Inszenierung vom „Kleinen Prinzen“ spielen Mitglieder beider Fachgruppen gemeinsam: Prinz (Picco von Groote), Erzählerin (Melanie Fouché) und Pilot (Charles Muller) sind Menschen und die Gestalten, denen der Prinz auf seiner Planetenreise begegnet, animierte Figuren (Figurenspieler: Philipp Golm, Daniela Hense, Holger Schneider, Daniel Wangler, Tobias Weishaupt).

Das Projekt konzipiert und inszeniert hat Prof. Werner Knoedgen; Bühne, Licht, Lichtobjekte: Joachim Fleischer; Figuren und Kostüme: Sylvia Wanke. In den „Stuttgarter Nachrichten“ wurde die Aufführung so charakterisiert: „Die Gemeinschaftsproduktion von Figurentheater und Schauspiel der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart besticht im Ineinanderfließen von menschlicher Darstellung, Spiel mit Figuren und Objekten, Bildender Kunst, Lichtdesign und Musik.

Bedächtig ist der Erzählduktus des Abends. Zu geheimnisvoller Sphärenmusik rollen die jungen Akteure langsam weiße Kugeln auf die Bühne: Planeten als ewig um die Sonne kreisende Gestirne, von Lichtschienen in ein Wechselbad von Hell und Dunkel getaucht. Als Großprojektion bizarrer Gebirgs- und Wüstenlandschaften gleiten kleine Objekte amorpher Gestalt aus Kunststoff und Metall über die Bühnenrückwand. Und der kleine Prinz? Picco von Groote zeigt ihn als keckes außerirdisches Kerlchen unter Irokesenbürste, das auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens beim Planeten-Hopping mit entwaffnend kindlicher Unbekümmertheit die Erscheinungsformen erwachsener Denk- und Gefühlsdekadenz auskontert.

Faszinierend die Zerrbilder der Selbstentfremdung, die dabei durch das Zusammenspiel von Figuren und Schauspiel entstehen; der König, ein zerknitterter kleiner Kunstpopanz, ebenso tumb wie machtbesessen. Bewegungsfähig allein durch die Manipulation zweier Spieler. Die Worte muss ihm die Erzählerin Melanie Fouché (auch sehenswert als Darstellerin von Rose und Fuchs) leihen. Sie ist auch die Stimme des unter der Last seines Reichtums an Sternen stöhnenden Geschäftsmanns. Nahtlos geht sein glubschäugig feistes Latexgesicht in die Körper gleich dreier Figurenspieler über, die in einem Berg von Geldscheinen wühlen. Ein Monster der Besitzgier, so faszinierend wie die anderen Kunstfiguren und die gesamte Produktion."