ORGELN DER MUSIKHOCHSCHULE - INSTRUMENTE

 

    

Die Orgeln der Musikhochschule

Teil 2: Die Instrumente

(Artikel aus Spektrum 2002; Text: Prof. Dr. Ludger Lohmann / Fotos: Eckhart Fischer)
Die Orgeln der Musikhochschule - Teil 1: Geschichte / Überblick


italienische
Orgel

norddeutsche Barockorgel

klassisch-
französische Orgel

deutsch-
romantische Orgel

Rohlf-
Übeorgel

Rieger-Orgel
Konzertsaal

"Bach-Orgel"
2006/07 entstanden

Orgel-
positiv

symphonische
französische Orgel


Die italienische Orgel

Zur selben Zeit, als wir mit einigen italienischen Orgelbauern wegen des Baus einer Orgel im Stile des Frühbarock in Kontakt traten, bot der Marburger Orgelbauer Gerald Woehl ein originales Instrument an, welches er schon Jahre zuvor aus einer venezianischen Kirche, die abgerissen werden sollte, erworben hatte. Die Disposition dieses Instrumentes, welches gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem anonymen Meister erbaut worden war, deckte sich fast vollständig mit der von uns für eine Stilkopie entworfenen Musterdisposition.

Aus diesem Grund entschieden wir uns für den Kauf des Instrumentes, welches nach der Restaurierung durch Gerald Woehl Ende 2000 in der Hochschule seinen Platz gefunden hat. Einige Zutaten des 19. Jahrhunderts konnten problemlos entfernt werden. Der originale Bestand war größtenteils erhalten; die nicht mehr vorhandenen Pfeifen des Registers "Tromboncini" harren noch der Rekonstruktion. Bei der Restaurierung des Gehäuses, bei welcher auch einige fehlende Holzteile ersetzt werden mussten, war zunächst an eine neue Farbfassung gedacht worden, jedoch wurde letztlich zugunsten einer bloßen Restaurierung der vorhandenen Fassung entschieden, um die vielen teilweise skurrilen Graffiti vor allem aus dem frühen 20. Jahrhundert zu erhalten. Diese Orgel ist nach einer winzigen Kabinettorgel im Württembergischen Landesmuseum nicht nur die älteste in der Landeshauptstadt, sondern auch die einzige spielbare, die wirklich als "historische" Orgel gelten kann.

Die Idee eines "Prototyps" einer Orgel des italienischen Frühbarock war in den letzten Jahrzehnten immer hauptsächlich mit dem Stil der bedeutenden Orgelbauerfamilie Antegnati gleichgesetzt worden. Diese Sichtweise hat sich in den letzten Jahren als zu einseitig erwiesen: der italienische Orgelbau wies zu allen Zeiten lokale Differenzierungen auf, u.a. auch aufgrund von Einflüssen aus dem Ausland. Gemeinsame Merkmale sind jedoch die besonders ausgeprägte Kantabilität der Prinzipalstimmen sowie die Konzeption der Dispositionsweise, bei welcher ein unverzichtbarer Kern (eben die besagten Prinzipale)abhängig von der Raumgröße in Höhe und Tiefe erweitert und dazu durch besondere Register wie Flöten und Zungen klanglich ergänzt wird. Diese Prinzipien haben sich im italienischen Orgelbau bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erhalten, weshalb denn auch eine venezianische Orgel des späten 18. Jahrhunderts die 150 Jahre früher in Rom entstandene Musik eines Frescobaldi in einer hochgradig authentischen Atmosphäre Klang werden lassen kann.

Die italienische Orgel in der Musikhochschule Stuttgart ist mit ihrer 8-Basis ein mittelgroßes Instrument, dessen Prinzipalchor ("Ripieno") allerdings mit Abschluss auf der Trigesimaterza sehr hoch ausgebaut ist. Die zusätzlichen Farbregister halten sich im Rahmen des auch schon im frühen 17. Jahrhundert Gebräuchlichen.

Manual
Principali bassi (8)
Principali soprani (8)
Ottava (4)
Quintadecima (2)
XIX (1 1/3)
XXII (1)
XXVI (2/3)
XXIX (1/2)
XXXIII bassi (1/3)
XXXVI bassi bis do (1/4)
Voce umana soprani
Flauto in ottava (4)
Flauto in XII (2 2/3)
Trombe bassi (8)
Tromboncini (8)

Pedal
Contrabassi (16)
Ottava dell Contrabassi (8)

Umfang Manual: C - f3 mit kurzer Oktave
Umfang Pedal: C - a0 mit kurzer Oktave
Schleifenteilung zwischen cs1 und d1




Die norddeutsche Barockorgel

Diese Orgel wurde 1997 von Jürgen Ahrend (Leer-Loga) in stilistischer Anlehnung an den bedeutendsten norddeutschen Orgelbauer des Barock, Arp Schnitger, erbaut. Ahrend hat mehrere Schnitger-Orgeln restauriert, er gilt als der beste Kenner dieses Stils.

Wegen der begrenzten Raumhöhe erschien es problematisch, die beiden Manualwerke übereinander anzuordnen, wie Schnitger dies normalerweise getan hat. Statt dessen wurde das technische Konzept der 1697 / 98 erbauten, geringfügig kleineren Schnitger-Orgel in Dedesdorf zum Ausgangspunkt genommen. Die Werke stehen hintereinander auf gleicher Höhe.

Bei der Disposition wurde angesichts der Raumgröße darauf verzichtet, dem Hinterwerk eine eigene Klangkrone zu geben, was Schnitger vermutlich in Gestalt einer Quinte 1 1/3 getan hätte. Stattdessen wurde eine Terz 1 3/5 disponiert, die als solistische Farbe vor allem der Musik Bachs zu gute kommt.

I. Manual
Principal 8
Hohlflöte 8
Octave 4
Octave 2
Sesquialtera II
Mixtur IV

II. Manual
Gedackt 8
Flöte 4
Nasat 3
Waldflöte 2
Terz 1 3/5
Dulzian 8

Pedal
Subbass 16
Octave 8
Trompete 8

Manualkoppel – Pedalkoppel – Tremulant
Umfang Manuale:
C - e3
Umfang Pedal: C - d1




Die klassisch-französische Orgel

Orgeln dieses Stilbereichs zeichnen sich durch besonderen Reichtum an kraftvollen Zungenstimmen aus. Hier war mit Blick auf die Raumgröße am ehesten ein Problem zu erwarten, weshalb von vornherein auf einen Clairon 4 verzichtet wurde, der den Raum überfordert hätte; die entsprechenden Registrierungen klingen hier auch ohne ihn brillant genug. Außerdem wurde als stilistisches Vorbild der zwar in Paris ausgebildete, aber im Elsass wirkende Deutsche Johann Andreas Silbermann gewählt, dessen Orgeln im Vergleich zu zentralfranzösischen Instrumenten ein etwas weicheres Klangbild aufweisen, ein Vorteil beim Spiel der Musik Bachs. Gaston Kern, der die Orgel 1996 erbaute, gilt als exzellenter Kenner der Orgeln J. A. Silbermanns, von denen er einige restauriert hat.

Die Orgel besitzt, wie dies für Frankreich typisch ist, ein Rückpositiv, welches hier auf dem Boden steht; seine Registerzüge sind im Rücken des Spielers angebracht. Die größere klangliche Nähe zum Hörer wirkt sich hier natürlich noch stärker aus als in einer Kirche, doch gehört dieser Raumklangeffekt genuin zum entsprechenden Repertoire, außerdem wirken sich die technischen Konsequenzen auf das Spielgefühl aus.

Die beiden Keilbälge stehen in einem separaten Verschlag links der Orgel und können gesehen werden. Die Windversorgungen der beiden anderen Orgeln dagegen befinden sich in einem Nebenraum, wodurch relativ lange Windkanäle bedingt sind, die die Situation in vielen alten Kirchen simulieren, in denen die Bälge ebenfalls in eigenen Bälgekammern untergebracht waren.

Das dritte Manual der Orgel ist nicht wie in den meisten französischen Orgeln ein solistisches Récit, welches sich hier wegen der begrenzten Raumhöhe schwer in der typischen Weise hätte anordnen lassen, sondern, wie häufig im Elsass, ein Echowerk hinter dem Notenpult. Dessen beide Grundregister sind nicht nur im Diskant ausgebaut wie in den alten Orgeln, sondern über die ganze Klaviatur, um Begleitzwecken in nicht-französischer Musik dienen zu können. Ebenfalls für nicht-französische Musik ist der Soubasse gedacht, der dem Pedal eine in klassisch französischen Orgeln nicht vorhandene unabhängige Bassfunktion ermöglicht.

Grand Orgue
Bourdon 16
Montre 8
Bourdon 8
Prestant 4
Flûte 4
Tierce 3 1/5
Doublette 2
Fourniture III
Cymbale III
Cornet V
Trompette 8
Voix humaine 8

Positif
Bourdon 8
Montre 4
Flûte 4
Nazard 2 2/3
Doublette 2
Tierce 1 3/5
Larigot 1 1/3
Fourniture III
Cromorne 8
Trompette 8

Echo
Bourdon 8
Flûte 4
Cornet III

Pédale
Soubasse 16
Flûte 8
Trompette 8

Tremblant doux - Accouplement Pos. / GO - Tirasse GO
Umfang Manuale: C - f3
Umfang Pedal: C - f1 mit AA (ravalement) bei Verwendung des Messerrücken-Pedals





Die symphonische französische Orgel

Hier galt es, ein grundsätzliches Problem in den Griff zu bekommen, dass nämlich die typische symphonische Orgel in Frankreich, wie sie exemplarisch durch Cavaillé-Coll definiert worden ist, auf große Kirchenräume zugeschnitten ist. Nun zeigt aber die seit zehn Jahren wieder restauriert zugängliche Hausorgel des bedeutenden französischen Komponisten Jehan Alain (1911 bis 1940), dass sich das typische "Parfum" dieses Orgelstils auch in einem kleineren Raum durch ein kleineres, in der Lautstärke gezähmtes Instrument entwickeln lässt. Die Leiter der Luzerner Orgelbaufirma Goll, Jakob Schmidt und Beat Grenacher, die für uns 1997 die Orgel gebaut haben, überzeugten mit einem Konzept, bei dem der Prospekt der Orgel fast vollständig geschlossen ist. Im Innern des Orgelgehäuses generiert der Klang einen eigenständigen Nachhall, der Schall tritt nur durch einige schmale, von wenigen Pfeifen umstellte Ausschnitte aus.

Das Pedal enthält, um Platz (und Geld!) zu sparen, kaum selbständige Register. Wegen der geringen Raumgröße ist eine starke Klanggebung in den tiefen Frequenzen auch nicht wünschenswert. Im vollen Werk definiert die Posaune 16 erstaunlich deutlich den Basscharakter des Pedals. Die Orgel ahmt bewusst nicht möglichst genau den Stil Cavaillé-Colls nach, sondern ist in einem etwas älteren Stil gehalten, etwa in Anlehnung an die im frühen 19. Jahrhundert auch im Elsass tätigen Orgelbauer Callinet, welche einen gewissen spätbarocken, auch deutsche Elemente enthaltenden Grundbestand mit romantischen Farben anreicherten. Dadurch eignet sich die Orgel auch noch gut für die Musik Bachs. Bei der Interpretation der Werke eines César Franck oder eines Charles Marie Widor, für welche sich nahezu alle wesentlichen Klangfarben finden, empfängt der Hörer einen Eindruck Pariser Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, sozusagen reduziert auf "Salonklang". Zur Kennzeichnung der stilistischen Zwitterstellung wurden französische Registernamen auch nur im Schwellwerk verwendet. Auf Wunsch der Orgelbauer und mit Blick auf die spätbarocken Möglichkeiten der Orgel wurde keine gleichschwebende Stimmung gelegt. Da diese Orgel gelegentlich zu Prüfungen und zu klasseninternen Konzerten verwendet wird, erhielt sie zusätzlich zur mechanischen Registertraktur elektronische Setzerkombinationen.

Hauptwerk
Bourdon 16
Principal 8
Rohrflöte 8
Octave 4
Spitzflöte 4
Quinte 2 2/3
Octave 2
Cornett V (ab c°)
Mixtur IV
Trompete 8

Positiv
Gedackt 8
Salicional 8
Principal 4
Rohrflöte 4
Waldflöte 2
Quinte 1 1/3
Sifflet 1
Sesquialtera II
Krummhorn 8
Récit
Quintaton 16
Bourdon 8
Gambe 8
Voix Céleste 8
Fugara 4
Flûte trav. 4
Nasard 2 2/3
Octavin 2
Tierce 1 3/5
Trompette harm. 8
Hautbois 8

Pedal
Subbass 16 (aus HW)
Octavbass 8 (C-H aus HW)
Rohrgedackt 8 (aus HW)
Choralbass 4 (aus HW)
Posaune 16
Tremulant für Pos. und Rec.; 6 Normalkoppeln, III-I 16, III-P 4
Umfang Manual:
C-a
Umfang Pedal: C-f
Leicht ungleichschwebende Stimmung




Die deutsch-romantische Orgel

Orgeln dieses Stils zeichnen sich durch eine reiche Palette an 8-Labialstimmen, d.h. an fein abgestuften, vor allem leisen Farben in der Grundtonlage aus. Da diese sehr viel Platz beanspruchen, musste für den kleinen Raum eine Auswahl getroffen werden, bei welcher alle wesentlichen Registergruppen (Prinzipale, Streicher, Flöten) in verschiedenen farblichen und dynamischen Varianten auf die drei Manuale verteilt sind. Ebenfalls wegen des beschränkten Raumangebotes musste der Winddruck möglichst niedrig gehalten werden.

Dadurch erhält die Orgel einen sensiblen Grundcharakter, wie er eher für frühromantische als für spätromantische Orgeln typisch ist. Das Gehäuse ist auch hier verhältnismäßig dicht, lediglich der Prinzipal 8 und Teile der Viola 8 stehen frei im Prospekt, weil dessen Entwurf sich an die typischen flächigen deutsch-romantischen Prospekte anlehnen sollte.

Der Prinzipal ist daher auch dasjenige Register, welches der Orgel trotz der nicht sonderlich üppigen Anzahl an Grundstimmen auch im Tutti den charakteristischen sonoren romantischen Klang bewahrt. Wegen dieser Charakteristik erhielt diese Orgel auch keine Mixtur: solche Register dienen in der deutsch-romantischen Registrierungsästhetik nahezu ausschließlich der Kraftverstärkung im Tutti, wie sie hier unnötig ist.


Die Orgelbauwerkstätte Konrad Mühleisen in Leonberg, die das Instrument 1998 fertigstellte, legte die mechanische Spieltraktur bewusst weich, in Anlehnung an die Spielweise vieler romantischer Orgeln, aus.

Hauptwerk
Bourdon 16
Principal 8
Rohrflöte 8
Gamba 8
Octave 4
Quinte 2 2/3
Octave 2
Trompete 8

Positiv
Viola 8
Traversflöte 8
Bourdon 8
Prestant 4
Rohrflöte 4
Nasat 2 2/3
Waldflöte 2
Terz 1 3/5
Larigot 1 1/3
Clarinette 8

Schwellwerk
Holzflöte 8
Salicional 8
Schwebung 8
Fugara 4
Dulcflöte 4
Flöte 2
Oboe 8

Pedal
Subbaß 16
Gedecktbaß 8 (Verl. Sb.)
Octavbaß 8
Choralbaß 4 (Verl. Octb.)
Fagott 16
Fagott 8 (Verl. Fg. 16)

Tremulanten Pos. und SW; 6 Normalkoppeln, III-III 16
Umfang Manual:
C-a
Umfang Pedal: C-f
Stimmung gleichschwebend




Die Rohlf-Übeorgel

Die 1996 von Johannes Rohlf (Neubulach) erbaute Orgel sollte trotz bescheidener Registerzahl drei Manuale bekommen, damit auch das Üben komplexer Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts möglich ist. Dies wurde dadurch erreicht, dass das 3. Manual die Pedalregister enthält, allerdings bis a ausgebaut, ein Konzept, welches Rohlf schon bei mehreren Orgeln realisiert hat. Die Orgel zeichnet sich durch eine extrem präzise und sensible Traktur sowie durch eine angenehm flexible Windversorgung aus; sie ist deshalb gleichermaßen als Übeinstrument inspirierend und fordernd wie als Unterrichtsinstrument bei den Studenten gefürchtet.

Hauptwerk (I)
Rohrflöte 8
Principal 4
Octave 2

Positiv (II)
Gedackt 8
Rohrflöte 4
Nasard 2 2/3
Blockflöte 2
Terz 1 3/5

Pedalwerk (III)
Bourdon 16
Flötbaß 8 (Prinzipal)
Flötbaß 4


Tremulant für Positiv; 6 Normalkoppeln, 2 Zimbelsterne
Umfang Manual:
C-a
Umfang der Pedalklaviatur: C-g
Stimmung leicht ungleichschwebend




Das Orgelpositiv

Die von Armin Hauser 1997 erbaute transportable Truhenorgel hat zu Continuo-Zwecken eine verschiebbare Klaviatur, womit sie in zwei Stimmtonhöhen (415/440 Hz) gespielt werden kann.

Principal 8 (Diskant)
Holzgedackt 8
Octave 4
Rohrflöte 4
Nasard 2 2/3
Gemshorn 2

Gleichschwebende Stimmung




Die Konzertsaalorgel

Das Problem einer "Universalorgel" ist, dass sie zwar theoretisch das gesamte Orgelrepertoire bedienen soll, dies aber dann im Einzelfall niemals mit der gleichen Qualität wie stilspezifische Instrumente leisten kann. Allein eine Zusammenstellung aller denkbar notwendigen Register würde ein Instrument ergeben, welches in seiner technischen Anlage unübersichtlich, ja nach den Maßstäben guter orgelbaulicher Ästhetik gar nicht realisierbar, und dazu klanglich völlig diffus wäre.

Auch bei einer Eingrenzung auf einige ausgewählte stilistische Bereiche sind besonders in der Intonation Kompromisse nötig, da Register gleichen Namens und prinzipiell gleicher Bauart in verschiedenen Zeit- und Nationalstilen große klangliche Unterschiede aufweisen können. Zur Minimierung dieser Problematik bedarf es vor allem eines erfahrenen und sensiblen Intonateurs, der die Klanggestalt jeder einzelnen Pfeife im Detail plant und ausfeilt, dazu aber auch gründlicher konzeptioneller Überlegungen bei der Disposition. Bei letzterer haben wir zwar nicht "das Rad neu erfunden", doch wohl in Bezug auf die Grundanlage der Orgel einen in seiner Radikalität relativ neuartigen Weg beschritten, der seither auch bei anderen Orgelneubauten aufgegriffen worden ist. Ausgangspunkt war die Festlegung auf diejenigen Repertoirebereiche der Orgelmusik, welche von dieser Orgel vorrangig bedient werden müssen. Dies sind neben der Musik Bachs in erster Linie deutsche und französische Kompositionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössische Musik, wobei letztere aus historischen Gründen keine Rücksichtnahme bei der Disposition erfordert.

Im Schnittpunkt der drei genannten Stilbereiche kann der Orgelbauer Gottfried Silbermann gesehen werden. Er brachte einerseits eine starke klassisch-französische Komponente in den mitteldeutschen Orgelbau ein, andererseits wirkte sein überaus erfolgreiches Schaffen bis weit ins 19. Jahrhundert fort: vor allem bei mitteldeutschen Orgelbauern ist noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein an Silbermann angelehnter klanglicher Kern zu beobachten, um den herum moderne, romantische Elemente gruppiert sind. Auf eine Silbermannsche Klanggrundlage lässt sich aber nicht nur ein deutsch-romantischer Klang aufsetzen, sondern auch ein französisch-symphonischer, hat doch Aristide Cavaillé-Coll in einigen seiner großen Orgeln größere Instrumente des 18. Jahrhunderts weiterverwendet.

Der berühmteste Fall ist seine größte Orgel in St. Sulpice in Paris, deren Pfeifenbestand etwa zur Hälfte aus dem Vorgängerinstrument des berühmtesten französischen Orgelbauers des 18. Jahrhunderts, Francois-Henri Clicquot, stammt, was auch im Gesamtklang der romantischen Orgel sehr wohl hörbar ist.

Diese drei stilistischen Sphären wurden nun folgendermaßen auf die vier Manualwerke verteilt (bei der Disposition der Pedalregister war eine stilistische Komponente weder realisierbar noch relevant, weil klangfarbliche Unterschiede gehörsmäßig bei der Bassstimme weit weniger zum Tragen kommen als in höheren Lagen): Die ersten beiden Manuale, als Haupt- und Oberwerk in der Mitte des Prospektes übereinander angeordnet, folgen in der Disposition den Gepflogenheiten Silbermanns und entsprechen mit geringfügigen Abweichungen der Disposition der letzten und größten Orgel Silbermanns in der Dresdner Hofkirche; hätte Silbermann eine noch größere Orgel gebaut, hätte er vielleicht die gleichen zusätzlichen Register disponiert. Das dritte Manual ist ein Schwellwerk im französisch-symphonischen Stil, das vierte ein deutsch-romantisches Schwellwerk, dynamisch bewusst gegen die anderen Werke zurückgenommen. Beide Schwellwerke stehen auf dem Boden, unmittelbar neben dem Spieltisch, entgegen der historischen Praxis einer eher hohen Plazierung in der Orgel, aber mit einem vergleichbaren akustischen Effekt: Durch die horizontalen Schwelljalousien kann der Klang indirekt durch Reflexion am Bühnenboden ins Publikum abgestrahlt werden, während der Großteil der Zuhörer, in den ansteigenden Sitzreihen etwa auf der Höhe des Hauptwerkes plaziert, vor allem das Oberwerk sehr direkt, fast wie ein Rückpositiv, wahrnimmt.

Die technische Realisation einer viermanualigen Orgel mit 80 Registern und mechanischer Traktur mit ebenfalls mechanischen Koppeln stellt bezüglich Technologie und handwerklicher Präzision allerhöchste Anforderungen an den Orgelbauer. Die Firma Rieger (Schwarzach/Vorarlberg) hatte uns in dieser Beziehung mit einigen Instrumenten dieser Größenordnung am meisten überzeugt. Durch den Einsatz von Doppel- und Dreifachventilen, teilweise auch von Balanciers, ist es ihr gelungen, eine angenehme Spielart zu erzielen, die auch bei vier mechanisch gekoppelten Manualen noch beherrschbar ist. Zur Erleichterung des Spiels wie auch zur Erzielung besonderer klanglicher Effekte stehen elektrische Koppeln zu den beiden Schwellwerken wahlweise zur Verfügung.

Die schwierige Aufgabe für den Intonateur Klaus Knoth bestand darin, einerseits die verschiedenen klangstilistischen Sphären deutlich auszuprägen, sie aber andererseits auch zur Synthese zu bringen und so den Gesamtklang der Orgel homogen zu gestalten. Diese Aufgabe wurde unter Berücksichtigung der notwendigen intonatorischen Kompromisse in höchst überzeugender Weise gelöst: bei sachgemäßer Registrierung kann die Orgel tatsächlich in verschiedene Klanggewänder schlüpfen und die Klangbilder stilspezifischer Originalinstrumente klar erkennbar nachahmen wie eine gute Schauspielerin.

Die vollständige Disposition der Rieger-Orgel:

I Hauptwerk
Praestant 16
Bourdon 16
Principal 8
Rohrflöte 8
Gedeckt 8
Viola di Gamba 8
Oktave 4
Spitzflöte 4
Quinte 2 2/3
Superoktave 2
Cornet V 8 ab g°
Mixtur major IV-V 2
Mixtur minor IV-V 1 1/3
Trompete 16
Trompete 8
Trompete 4

II Positiv
Pommer 16
Praestant 8
Holzgedeckt 8
Ouintade 8
Salicional 8
Principal 4
Rohrflöte 4
Sesquialtera II 2 2/3
Oktave 2
Waldflöte 2
Larigot 1 1/3
Sifflöte 1
Scharff IV 1 1/3
Dulcian 16
Trompete 8
Cromorne 8
(Tremolo)

III Récit
Bourdon 16
Flute harmonique 8
Bourdon 8
Gambe 8
Voix céleste 8
Prestant 4
Flute octaviante 4
Nazard 2 2/3
Doublette 2
Octavin 2
Tierce 1 3/5
Fourniture IV-V 2 2/3
Basson 16
Trompette harmonique 8
Hautbois 8
Clairon harmonique 4
(Tremolo)

IV Schwellwerk
Salicional 16
Geigenprincipal 8
Fugara 8
Doppelflöte 8
Lieblich Gedeckt 8
Aeoline 8
Vox coelestis 8
Fugara 4
Flauto dolce 4
Ouintflöte 2 2/3
Piccolo 2
Terzflöte 1 3/5
Harmonia aetheria Il-IV 2
Fagott 16 (durchschlagend)
Klarinette 8 (durchschlagend)
Trompete 8
Vox humana 8
Glocken co-cIII
(Tremolo)

Pedalwerk
Untersatz 32
Principalbaß 16
Subbaß 16
Violonbaß 16
Oktavbaß 8
Violoncello 8
Gedeckt 8
Choralbaß 4
Gemshorn 4
Hintersatz IV 2 2/3
Kontrafagott 32
Posaune 16
Fagott 16
Trompete 8
Clarine 4

10 mechanische Normalkoppeln
Koppeln zu den Schwellwerken wahlweise elektrisch
Schleifladen
Mechanische Spieltraktur.
Tastenumfänge:
Manuale C bis c4
Umfang Pedal: C bis g1
Spielhilfen: Elektronischer Setzer, Sequenzer, Registerschweller
Winddrossel für jedes Teilwerk, einzeln vom Spieltisch aus zu betätigen