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Die Orgeln der Musikhochschule
Teil 1: Geschichte / Überblick
(Artikel aus Spektrum 2002; Text: Prof. Dr. Ludger Lohmann / Fotos: Eckhart Fischer)
Die Orgeln der Musikhochschule - Teil 2: Instrumente
Geschichte
Die Organistenausbildung hat an der Stuttgarter Musikhochschule
seit der Gründung der als Vorgängerinstitution anzusehenden "Stuttgarter
Musikschule" 1857 eine gewichtige Rolle gespielt. Der Gründungsrektor
Immanuel Faißt (1823 bis 1894) stammte aus der Kirchenmusik,
er war neben seiner Tätigkeit als Stiftsmusikdirektor auch
international als Konzertorganist aktiv und gehörte zu den führenden
deutschen Orgelpädagogen seiner Zeit.
Er leitete die Geschicke des Institutes bis zu seinem Tode. Sein Nachfolger
als Orgellehrer, der Niederländer Samuel de Lange jun. (1840 bis
1911), international wohl noch bekannter mit Beziehungen auch in
die USA, war von 1900 bis 1908 ebenfalls Direktor.
Beide standen, Faißt unter dem Einfluß von Mendelssohn und Moritz
Hauptmann, de Lange durch Unterricht bei dem Liszt-Schüler Alexander
Winterberger, wenngleich nicht kompositorisch, so doch als Organisten
zweifellos auf der Höhe ihrer Zeit. Gleiches gilt für drei in den
Jahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg an der Hochschule wirkende
Organisten, die u.a. bei Karl Straube, dem führenden deutschen
Orgellehrer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ausgebildet
worden waren: Hermann Keller, auch als Musikschriftsteller bedeutend,
der die Hochschule als Rektor in den Nachkriegsjahren prägte,
Hans Arnold Metzger und der auch als Dirigent (zeitweilig als Assistent
Furtwänglers) aktive Anton Nowakowski. Mit der Berufung Werner
Jacobs als Orgellehrer beginnt Stuttgart unter den deutschen Musikhochschulen
eine Vorreiterrolle bezüglich der Umsetzung neuester
Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis Alter Musik in der
Organistenausbildung einzunehmen.
Gleichzeitig gewinnt die Ausbildung im Fach Orgelimprovisation eine
bis dahin nicht gekannte, vorbildhafte Intensität. Heute zählt die
Stuttgarter Hochschule weltweit zu den gefragtesten Adressen für
das Orgelstudium.
Überblick
Die Planungen für den von Sir James Stirling entworfenen Neubau
der Musikhochschule boten die einzigartige Chance, ein Gesamtkonzept
für ein Ensemble von Unterrichtsorgeln zu entwickeln, welches
heutigen Anforderungen an eine stilistisch differenzierte Interpretation
von Orgelmusik der wichtigsten Zeit- und Nationalstile Rechnung
trägt. Der Organist bewegt sich in der Praxis in einem Spannungsfeld:
ein großer Teil der Orgelkomponisten hat seine Musik mit der
Vorstellung eines spezifischen Orgelklangs geschaffen, den es entweder
auf adäquaten Instrumenten zu entdecken oder aber auf Instrumenten
anderen Stils näherungsweise nachzuahmen gilt.
Beide Ansätze erfordern eine weitgehende Vertrautheit des Spielers
mit dem anzunehmenden Originalklang, wie sie sich durch den Besuch
authentischer Instrumente nur punktuell aneignen lässt. Eine
kontinuierliche Arbeit an solchen Instrumenten schon im Studium ist
daher von großem Wert, bedeutet jedoch gleichzeitig eine schwierige
Aufgabe für die Orgelplanung, hat doch der europäische Orgelbau in
den vergangenen fünf Jahrhunderten, aus denen noch Instrumente
erhalten sind und in denen Orgelmusik entstand, deren Pflege auch
heutigen Musikern am Herzen liegt, eine Vielzahl von Facetten
entwickelt, die in klanglicher und auch technischer Hinsicht ein weitaus
größeres Spektrum aufweisen als alle anderen Musikinstrumente.
Hier war nicht nur eine Auswahl zu treffen, d.h. eine Festlegung auf
die für die Organistenausbildung wichtigsten Stile; es wurden auch
eine Reihe von Kompromissen notwendig, diktiert durch die praktischen
Gegebenheiten des Ausbildungsbetriebs, vor allem aber durch
die Größe der zur Verfügung stehenden Räume.
Die Orgel ist ihrer Natur nach in erster Linie für die Akustik relativ großer
Räume gedacht. Solch große Räume lassen sich aber in einem
Hochschulgebäude nicht verwirklichen. Aus diesem Grunde lagern
manche Hochschulen ihren Orgelunterricht teilweise in Kirchen aus,
ein Weg, den wir in Stuttgart aus mehreren Gründen nicht gehen
wollten.
Diese Entscheidung hat sich nach einigen Jahren Unterrichtserfahrung
im neuen Hochschulgebäude als richtig erwiesen. Die Möglichkeit,
mit einem Studenten sogar während einer Unterrichtsstunde
mit einem neuen Stück an eine andere Orgel wechseln zu können, ist
von unschätzbarem Wert und in dieser Vielfalt bislang weltweit einmalig.
Der erste wesentliche Kompromiss besteht also in der klanglichen Anpassung
von Instrumenten, deren Zahl von Registern (Pfeifenreihen
ganz bestimmter Klangcharakteristik) wegen der Anforderungen des
Repertoires eine gewisse Minimalgröße nicht unterschreiten darf und
deren historisch definierte Klangstilistik auf größere Kirchenräume
ausgelegt ist, an wesentlich kleinere Unterrichtsräume. Diese Aufgabe
ist von den beteiligten Orgelbauern kongenial gelöst worden, indem
die Instrumente die jeweils intendierte Klangstilistik eindeutig erkennbar
repräsentieren, ohne die eigentlich zu kleinen Räume (und
damit die Ohren der in ihnen Arbeitenden) akustisch zu überfordern.
An der erfolgreichen Problemlösung hatten auch Architekten und
Akustiker großen Anteil, denen es gelungen ist, den drei wichtigsten
Unterrichtsräumen größere Räume suggerierende Akustiken mitzugeben.
Ein zweiter Kompromiss wurde notwendig durch die Tatsache, dass
nahezu ständig mehrere Lehrer gleichzeitig unterrichten; er betrifft
hauptsächlich die beiden "moderneren" Instrumente, die notfalls in
der Lage sein müssen, außer den ihnen vorrangig zugewiesenen stilistischen
Sphären der französischen Symphonik und der deutschen Romantik
einem weiter gespannten Repertoire, besonders der Musik
Bachs, zu dienen. Vor allem die "französische" Orgel erhielt auf diese
Weise ein etwas barockeres Klangbild, was deshalb vertretbar erschien,
als die Konzertsaalorgel aufgrund ihrer Konzeption und ihrer
Größe ohnehin besser zu einer Annäherung an die Klangwelt der großen
französischen Kathedralorgeln des 19. Jahrhunderts geeignet ist.
In den im Kollegenkreis (beteiligt waren die Orgelprofessoren Werner
Jacob, Jon Laukvik und Ludger Lohmann sowie die Orgelsachverständigen
Bernhard Ader und Volker Lutz) über Jahre hinweg immer
wieder geführten Diskussionen ergab sich die Festlegung auf folgende
Stilbereiche:
1. die italienische Musik der Spätrenaissance und des Frühbarock
2. die norddeutsche Musik des Hochbarock
3. die französische Musik der sogenannten "klassischen" Epoche,
die im wesentlichen mit der Regierungszeit Ludwigs XIV.
zusammenfällt
Die drei für diese Stile gedachten Orgeln stehen in einem kleinen Orgelsaal.
Dies war nicht nur die einzige Möglichkeit, überhaupt einen
Raum von solcher Größe zu bekommen, wie sie vor allem die "französische"
Orgel unbedingt benötigt, um ihre spezifische Klanglichkeit
zu entwickeln. Dazu lassen sich die stilistischen Unterschiede der drei
Instrumente, auch die drei unterschiedlichen historischen Stimmungssysteme,
im direkten Vergleich in sonst nirgends gegebener Deutlichkeit
erleben.
4. die französische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts
5. die deutsche Musik des 19. Jahrhunderts
Diese fünf musikalischen Stilbereiche spielen nicht nur traditionell die
größte Rolle in der Organistenausbildung (auch andernorts), sie sind
auch am präzisesten auf ganz bestimmte Orgeltypen zugeschnitten.
Eine solch enge Korrelation zwischen Musik und Instrumentenbau
hat sich beispielsweise im 20. Jahrhundert nirgends entwickelt; die
französischen Komponisten, allen voran Messiaen, beziehen sich
weitgehend immer noch auf den im 19. Jahrhundert musterhaft ausgeprägten
Orgelstil Aristide Cavaillé-Colls. Aus diesem Grund ist die
Musik des 20. Jahrhunderts größtenteils am besten auf der farbenreichen
und zu diesem Zweck auch mit technischen Besonderheiten ausgestatteten
Konzertsaalorgel wiederzugeben.
Deren Planung stellte uns vor besondere Probleme, ist doch ihre primäre
Aufgabe, in den Abschlussprüfungen aller Studenten einem breiten
Repertoire zu dienen; nur wenige Studenten gehen das beträchtliche
Risiko ein, innerhalb eines Konzertes auf bis zu vier Instrumenten
mit sehr unterschiedlichem Anschlag, ja sogar unterschiedlichen Tastenmensuren
zu musizieren. Aus diesem Grunde wurde die Konzertsaalorgel
als "Universalorgel" konzipiert, die es erlauben soll, einen
möglichst großen Teil des Orgelrepertoires klanglich möglichst originalgetreu
wiederzugeben. Weil eine solche Absicht der Quadratur
des Kreises gleichkommt, wird dieser Weg heutzutage nur ungern beschritten,
außer in Kirchen, in denen eine einzige Orgel eine Vielzahl
musikalischer Aufgabenstellungen bewältigen muss. Dennoch wurde
der Versuch unternommen, mit sehr positivem Ergebnis.
Als Übeinstrumente werden aus dem Altbau zwei bestehende Orgeln
in den zweiten Bauabschnitt übernommen:
6. Die ehemalige Hauptunterrichtsorgel, 1972 von Weigle erbaut
mit 35 Registern auf 3 Manualen und
7. die 1985 von Eduard Wiedenmann erstellte dreimanualige Orgel
mit 15 Registern.
Im ersten Bauabschnitt steht seit 1997 eine neue Übeorgel von
Johannes Rohlf zur Verfügung, dazu ein großes Positiv von Hauser, welches
vor allem Continuozwecken dient und deshalb transportabel ist.
Bei der Übersicht über die insgesamt zehn Orgeln fällt auf: es fehlt
ein speziell auf die Musik Johann Sebastian Bachs zugeschnittenes Instrument.
Auf ein solches glaubten wir verzichten zu können. Es gibt nicht die
"typische" Bach-Orgel. Bach hatte im Laufe seines Lebens niemals
eine Orgel zu regelmäßiger Verfügung, die seiner Potenz als Organist
und Orgelkomponist auch nur einigermaflen hätte gerecht werden
können. Seine Vorstellung von einer idealen Orgel dürfte sich ausweislich
mancher Belege mehrmals gewandelt haben:
Die von ihm in vorgerücktem Alter konzipierte Orgel der Wenzelskirche
zu Naumburg unterscheidet sich doch erheblich von den großen
hanseatischen Schnitger-Orgeln, von denen er als Jugendlicher träumte,
gleichfalls auch von den Orgeln Gottfried Silbermanns, des zu seinen
Lebzeiten den sächsischen Orgelbau dominierenden Meisters.
Mit Orgeln im Stile Schnitgers und im Stile des Bruders und Lehrmeisters
Silbermanns lässt sich der Musik Bachs, der im Schnittpunkt dieser
Stile gesehen werden kann, bis zu einem gewissen Grade gerecht
werden, doch nur mit Einschränkungen besonders im Bereich sensibler
Flöten- und Streicherstimmen.
Das Bewusstsein für diese Einschränkungen ist seit der deutschen Wiedervereinigung
und der damit gegebenen Möglichkeit, sich mit dem
mitteldeutschen Orgelbau der Bachzeit auch über Silbermann hinaus
intensiver auseinanderzusetzen, sehr gewachsen. Eine Orgel im mitteldeutschen
Spätbarockstil ist demnach ein dringendes Desiderat. In
einem noch freien Orgelraum des zweiten Bauabschnittes könnte sie
Wirklichkeit werden...
Am 25. Januar 2007 - fünf Jahre nach dem oben stehenden Spektrum-Artikel - wird diese Vision mit der Einweihung
der neuen "Bach-Orgel" Wirklichkeit.
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