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Bühne frei für Bachelor und Master
Text: Daniela Schmauks; Artikel aus dem SPEKTRUM 10 vom Winter 2007/08
Bologna, Bachelor, Master, Credit Points und Module – kaum
eine seriöse Zeitung berichtet nicht über die größte Studienreform
der Nachkriegszeit und wirft mit Fachbegriffen um sich.
Auch die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst Stuttgart stellt in diesem Wintersemester große Teile ihres
Studienangebotes um und bietet im Bereich Musik grundständig
nur noch den Bachelor an. Doch was soll das Ganze?
Das Ziel waren europaweit vergleichbare Studienabschlüsse und
Studienleistungen. Die Politik sandte daher 1998 Bildungspolitiker
aus 29 Ländern nach Bologna, in die älteste Universitätsstadt
Europas, um das so genannte Bologna-Abkommen zu unterzeichnen.
Der Beschluss: Bis 2010 sollte in allen beteiligten Ländern das
alte Studiensystem zugunsten des zweistufigen Bachelor-Master-
Systems abgeschafft sein. Der Weg dorthin „ist steinig und
schwer“ – dies könnte man in Anlehnung an einen Hit aus Baden-
Württemberg zumindest meinen, weshalb unsere Hochschule
seit Januar 2007 sogar eigens eine Referentin für die Umstellung
eingestellt hat. Eigentlich ist das alles aber ganz einfach und birgt
vor allem für die zukünftigen Studenten große Chancen.
Der größte Unterschied auf den ersten Blick: Das Studium ist
deutlicher gegliedert und bietet nun mehr Zeit. Man kommt
zukünftig bereits in acht Semestern zum ersten berufsqualifizierenden
Abschluss, dem Bachelor. Nur wer will (und die dazugehörige
Aufnahmeprüfung besteht), sattelt dann noch einen
viersemestrigen Master drauf. Und wer dann noch weiter studieren
möchte, kann sich um einen Platz in der Solistenklasse bewerben
oder eine künstlerische Promotion, den so genannten
DMA, ablegen.
Anstatt wie bisher Scheine zu sammeln, ist nun
jeder Student gehalten, möglichst viele credit points anzuhäufen.
Diese heißen übersetzt zwar Leistungspunkte, orientieren sich
aber nicht wie Noten an der Qualität der Leistung, sondern an
dem Arbeitsaufwand, also der Quantität. Ein Leistungspunkt entspricht
30 Stunden Arbeit – dabei spielt es keine Rolle, ob diese in
Seminarstunden, Vorlesungen oder Übezeit geleistet werden.
Um das Einsammeln von Leistungspunkten übersichtlicher und
einfacher zu gestalten, wurde das alte System der semesterübergreifenden
Kurse und der Zwischenprüfung in den Nebenfächern
abgeschafft und dafür Module eingesetzt.
Diese Module
ermöglichen einen weitaus individuelleren Aufbau des Studiums,
vergleichbar mit der Modulküche eines großen schwedischen
Möbelunternehmens. Der Vorteil gegenüber einer herkömmlichen
Küchenzeile: Die einzelnen Bauteile sind nicht von vornherein
zusammengesetzt und festgelegt, sondern frei platzierbar.
Als Wichtigstes sollte man zunächst eine Spüle und einen Herd
anschaffen, also die Grundlagen in Musiktheorie und Musikgeschichte
erarbeiten. Nach einer soliden Grundausstattung mit genügend
Stauraum (Kammermusik, Orchester, Chor) folgen die
vielleicht farblich etwas gewagteren Highlights – etwa Computermusik,
Klassenmusizieren oder Jazz/Pop. Je weiter das Studium
fortschreitet, desto größer sind die Wahlmöglichkeiten – und am
Ende kommt eine individuell kreierte Modulküche heraus, die so
kein Zweiter hat.
Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
Stuttgart hat die Chance dieser Studienreform genutzt und nicht
lediglich einen Etikettentausch vorgenommen: Sie hat mit den
zahlreichen Profilen im Bachelor Musik eine sehr große Wahlmöglichkeit
für die Studierenden geschaffen. Nachdem das
Grundstudium bis zum vierten Semester für alle gleich aussieht,
muss man sich ab dem fünften Semester für ein Profil entscheiden,
innerhalb dessen eine bestimmte Richtung der musikalischen
Ausbildung besonders geprägt wird. Gleichzeitig wurden die
beiden großen Stränge – pädagogische und künstlerische Ausbildung
– zusammengefasst, sodass jeder Absolvent künstlerische
und pädagogische Anteile in seinem Studium hat und lediglich
ab dem fünften Semester seine eigene Richtung einschlägt. Wer
sich danach in dieser Richtung weiterbilden möchte, hängt noch
einen Master daran und hat dann mit Sicherheit ein inhaltlich
hervorragend auf sein Ziel abgestimmtes Studium hinter sich.
Ob diese Studienreform im Bereich der Musikhochschulen ihr
eigentliches Ziel – die Verbesserung der Vergleichbarkeit der Leistungen
und dadurch eine einfachere Möglichkeit zum Studienortwechsel
europaweit – erreichen wird, bleibt abzuwarten.
Musikstudenten mussten schon immer europaweit eine Aufnahmeprüfung
bestehen, bevor sie die Hochschule oder den Lehrer
wechseln konnten; nach wie vor hängt das Studium maßgeblich
von der Wahl des Hauptfachlehrers ab – und dies alles wird sich
auch durch diese Reform nicht ändern. Auch die Berufsaussichten
von Musikern werden sich nicht ändern; ob Diplom oder
Bachelor/Master, an Musikschulen und in Orchestern wird man
auch in Zukunft ein Vor- bzw. Probespiel absolvieren müssen, und
die Stellenlage wird sich nach wie vor nach der Haushaltslage des
jeweiligen Trägers richten. Vielleicht sind aber gerade deshalb die
Studenten der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst Stuttgart die Gewinner der Reform, denn ihr Studium
wird sich mit Einführung des Bachelors und Masters stärker
auf die sich wandelnden Ziele und Bedürfnisse ausrichten.
Folgende grundständigen Bachelorstudiengänge
werden zum Wintersemester 2007/08 eingeführt:
Bachelor Musik
(ersetzt die bisherigen Diplomstudiengänge Künstlerische
Ausbildung [KA] und Diplom-Musiklehrer [ML])
Bachelor Kirchenmusik B
(ersetzt den bisherigen Diplomstudiengang Kirchenmusik B)
Bachelor Figurentheater
(ersetzt den bisherigen Diplomstudiengang Figurentheater)
Neuaufnahmen in die bisherigen Diplomstudiengänge sind nicht
mehr möglich. Bis zur Einführung der Master-Studiengänge kann
übergangsweise noch eine Aufnahme in das 7. Semester KA erfolgen
(z. B. nach einem Bachelor-Abschluss). Die Umstellung weiterer
grundständiger Diplom-Studiengänge (Schulmusik, Schauspiel,
Sprechen) erfolgt zum Wintersemester 2008/09.
Master-Studiengänge
Die Einführung der Masterstudiengänge erfolgt sukzessive ab
Sommersemester 2008. Voraussetzung für eine Zulassung zum
Master-Studium ist ein Bachelor-Abschluss (oder ein anderer Abschluss
eines grundständigen Studiums).
Daniela Schmauks, Referentin für BA/MA-Umstellung
Oberkirch, Kapstadt, Freiburg, Zürich, Karlsruhe, Stuttgart - so
lauten die Lebensstationen von Daniela Schmauks, die nach einem
absolvierten Geigenstudium bei Prof. J. Hofmann an der Musikhochschule
Freiburg parallel auch noch Jura studierte. Zusätzlich
zu der Tätigkeit als Vorspielerin der 2. Violinen in der Badischen
Staatskapelle Karlsruhe war sie als Rechtsreferendarin am Landgericht
Karlsruhe tätig, bevor sie zusätzlich zu ihrem Orchesterdienst
als Bologna-Beauftragte an die Staatliche Hochschule für Musik
und Darstellende Kunst verpflichtet wurde. Die Gratwanderung
zwischen Orchestergraben, Jura und der richtungsweisenden
BA/MA-Umstellung fordern die sympathische, humorvolle und
leidenschaftliche Wahl-Karlsruherin täglich aufs Neue heraus.
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