VITA JEAN-GUIHEN QUEYRAS

 

    

Prof. Jean-Guihen Queyras, Violoncello


Prof. Jean-Guihen Queyras
Raum 6.30


e-mail: jgq@gmx.fr
www.jeanguihenqueyras.com


Die geeignete Technik für den individuellen Ausdruck

Peter Buck im Gespräch mit seinem Nachfolger Jean-Guihen Queyras, Professor für Violoncello
(Artikel aus dem SPEKTRUM vom Winter 2005/06)

Seit dem Wintersemester 2004/05 ist Jean-Guihen Queyras unser neuer Kollege im Fach Violoncello. Nicht nur wir Cello-Kollegen sind glücklich über seine Verpflichtung. Mit seiner hohen künstlerischen Reputation, seiner solistischen wie kammermusikalischen Vielseitigkeit und darüber hinaus mit seiner pädagogischen Erfahrung ist Jean-Guihen Queyras ein echter Gewinn für die Hochschule.

Jean-Guihen, ich heiße dich an unserer Hochschule sehr herzlich willkommen. Was waren deine Beweggründe für die Bewerbung nach Stuttgart?
Ein wichtiges Argument war, dass meine Studenten in der Landeshauptstadt ein reichhaltigeres und anspruchsvolleres musikalisches und kulturelles Umfeld bekommen würden als in Trossingen, wo ich bisher unterrichtete. Ich unterstütze zwar durchaus fleißiges Üben bei meinen Studenten, halte aber eine breite Perspektive mit Theater, Konzerten, Ausstellungen etc. für äußerst wichtig. Die Inspiration kann nicht nur von innen kommen!
Ein anderer Grund für meine Bewerbung war persönlicher: Ich freute mich sehr, alte Freunde wie Christine Busch und Marco Stroppa zu meinen Kollegen zählen zu dürfen.

Du hast nun meine Nachfolge angetreten. Bei einem unserer ersten Gespräche erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass wir uns schon seit langem kennen ...
Das stimmt! Als ich in den achtziger Jahren in Freiburg studierte, spielte ich Streichquartett – u.a. zusammen mit Christine Busch. Wir kamen einige Male zum Unterricht nach Stuttgart zum Melos Quartett. Ein ganz tolles Erlebnis! Ich kann mich genau erinnern, wie du mir bestimmte wichtige Prinzipien der Bogenartikulation fürs Quartettspiel beigebracht hast. Diese grundsätzlichen Tipps sind mir heute eine große Hilfe im Spiel innerhalb des Arcanto Quartetts – zusammen mit Tabea Zimmermann, Antje Weithaas und Daniel Sepec.

In den wenigen Monaten deiner Tätigkeit hier an der Hochschule fielen mir besonders dein von Offenheit und Ehrlichkeit geprägter Umgang mit deinen Kollegen sowie dein Bemühen um neue Wege auf. Wie wichtig ist dir dieses kollegiale Miteinander? Wie sind deine Vorstellungen für die Arbeit und Aufgaben der Streicherfachgruppe?
Ich habe seit letztem Oktober sehr schnell feststellen können, dass ich das große Glück habe, in eine besonders dynamische und kreative Fachgruppe aufgenommen worden zu sein. Dies ist nicht nur eine inspirierende Sache für mich, sondern es verspricht auch für meine Studenten mehr Möglichkeiten im Bereich Streicherkammermusik. Langfristig würde ich auch gerne Vortragsabende zu bestimmten Komponisten oder Themen zusammen mit anderen Streicherprofessoren gestalten und aufführen.

Lass uns auf die Schwerpunkte deiner pädagogischen Arbeit kommen. Welche Inhalte und Ziele siehst du in deiner Unterrichtspraxis? Welche Kriterien der musikalischen Bildung und des instrumentalen Rüstzeugs sind für dich maßgeblich?
Mein Ideal – und ich denke, das Ziel von jedem Pädagogen – ist: Jedem Studenten die für ihn geeignete Technik zu geben, mit der er sich so vollständig wie möglich ausdrücken kann. Das heißt nicht, dass jeder Student einfach macht, was er will! Es gibt durchaus „objektive“ Kriterien sowohl in der Technik als auch in der Aufführungspraxis. Und das ist gerade das Spannendste am Unterrichten: Die Balance zu finden – und immer erneut zu suchen – zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven.
Ein kleines Beispiel unter zahllosen Möglichkeiten: Es gibt Fingersätze, die ganz einfach falsch sind, weil sie eine falsche Betonung verursachen oder gar den Fluss der Musik stoppen. Aber es gibt sehr oft die Wahl zwischen mehreren Fingersätzen, die derselben musikalischen Phrase jeweils eine andere Ausdrucksrichtung geben. Also ist die Frage: Was willst DU mit dieser Phrase ausdrücken? Und dann kommt die nächste Frage: Warum willst du gerade DAS ausdrücken? Was gibt es in der Harmonie an objektiven Elementen, die deiner intuitiven Vorstellung entsprechen bzw. widersprechen? Wie möchtest und wie kannst du diesen Ausdruck klanglich umsetzen? Es gibt keine Zeit für Langeweile!

Du bist nicht nur ein profunder Kenner der Barockmusik und deren Aufführungspraxis, sondern legst auch hohen Wert auf klassische Moderne und vor allem zeitgenössische Musik. Was reizt dich an diesem breiten Repertoire?
Ich war sehr früh an unbekanntem bzw. noch nicht existierendem Repertoire interessiert. Ich fand es faszinierend, bei der Geburt einer neuen klanglichen Welt dabei zu sein. Und mein Interesse wurde durch meine zweite Lehrerin Reine Flachot gefördert. Das Cellokonzert von Henri Dutilleux habe ich beispielsweise – kurz nach der Uraufführung von Rostropowitsch – schon mit 14 Jahren gelernt. Später, als ich im Ensemble Intercontemporain von Pierre Boulez täglich mit neuem Repertoire und Komponisten konfrontiert wurde, bekräftigte sich mein Gefühl, dass eigentlich jede Aufführung, auch von klassischen Stücken, eine Wiedergeburt sein sollte, d.h. mit derselben Entdeckungslust belebt sein sollte wie eine große Premiere. Und eigentlich ist genau dieses Gefühl der Ursprung der historischen Aufführungspraxis. Also ergänzen sich für mich beide Welten – Neue Musik und historische Aufführungspraxis – ganz selbstverständlich!

Mit Ottomar Domnick, dem vielseitigen Psychiater, Kunstsammler, Filmemacher, Musikliebhaber und Amateurcellisten, war ich persönlich sehr verbunden. Es war für mich eine große Ehre, mehrere Jahre den Vorsitz der Jury bei dem von ihm gestifteten Cello-Wettbewerb ausgeübt zu haben. Die nun beschlossene Neuausrichtung des Wettbewerbs auf ausschließlich zeitgenössische Musik wirst du nun verantwortlich gestalten. Ich freue mich sehr, dass du auch in diesem Bereich meine Nachfolge antreten wirst. Was kannst du über die neuen Ziele des Domnick-Wettbewerbes schon berichten?
Der „neue“ Cellowettbewerb der Musikhochschule Stuttgart will das Interesse für das bunte und gehaltvolle Cello-Repertoire der letzten 50 Jahre bei den Cellisten an deutschen Musikhochschulen fördern. Die erste Runde besteht aus Solo-Repertoire, in der zweiten ist aus einer Auswahl zeitgenössischer Stücke auszuwählen, im Finale das Cellokonzert von György Ligeti. Wir haben die große Ehre, gleich bei der ersten Ausgabe dieser neuen Fassung eine erlesene Jury zu haben, u.a. mit Rohan de Saram (Cellist des Arditti Quartetts), Hans-Peter Jahn (SWR Neue Musik), Eva Böcker (Ensemble Modern), Christophe Roy (Solo-Cellist), Marco Stroppa (Komponist). In der Woche des Wettbewerbs vom 12. bis 16. Dezember 2005 werden die Juroren Konzerte und Ateliers anbieten. Das wird bestimmt ganz spannend. Alle sind herzlich eingeladen!

Zum Schluss möchte ich dir sagen, dass ich es sehr schätze, noch einige Zeit mit dir gemeinsam für das Wohl unserer Studenten da sein zu können. Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine berufliche Zukunft hier an der Hochschule und auf allen Podien der Welt.